Kosten des Gesundheitswesens

Ein relativ ausgewogener Artikel über das Schweizer Gesundheitssystem:

Vimentis: Kosten des Gesundheitswesens – ein internationaler Vergleich

Nicht ganz uninteressant:

Obwohl die Lohnkosten in der Schweiz sehr hoch sind, bewegen sich die Saläre ansässiger Mediziner doch unter jenem einiger jener Länder, die weniger für das Gesundheitswesen ausgeben. Daher sind die Lohnkosten nicht der Haupttreiber der hohen Gesundheitskosten in der Schweiz.

Vertragsfreiheit?

Laut Meldung von NZZ-Online gibt es wieder politische Bestrebungen über den sogenannten Vertragszwang zu diskutieren. Bisher ist es, verkürzt ausgedrückt, so, dass jede Krankenkasse in der Schweiz mit jedem Arzt, der eine Praxis eröffnet, auch abrechnen muss, so er denn vom Kanton eine Bewilligung bekommt. Sie geht also sozusagen zwangsweise mit ihm einen Vertrag ein.

Seitens der Krankenkassen und der Politik, soll nun diskutiert werden, ob man die Krankenkassen und die einzelnen Ärzten nicht jeweils zuvor einzeln einen Vertrag aushandeln lassen sollte. Man erhofft sich so zusätzlichen Einfluss auf Kosten und Qualität, könnten doch so die Krankenkassen nur Verträge mit Ärzten abschliessen, die Ihnen ins Konzept passen.

Ich bin mir nicht sicher, ob die, die von ärztlicher Seite nun gleich in Opposition gehen und die, die sich auf Seiten der Krankenkassen und der Politik davon soviel versprechen, die Sache zu Ende gedacht haben.

Aus Sicht der niedergelassenen Ärzte ergibt sich hier nämlich eine riesige Chance, endlich Kostenwahrheit zu erzwingen. Wer heute im ambulanten Bereich ärztlich tätig ist, ist gezwungen über den Tarmed abzurechnen. Ein Austieg und neue Verhandlungen ist auch bei regionaler Einigkeit der Ärzte wegen des juristischen Hintergrundes so gut wie unmöglich – das hat die Politik gut hingetrickst.

Wenn nun Vertragsfreiheit beschlossen würde, gälte diese für beide Seiten. D.h. wenn sich die Ärzte, insbesondere die Hausärzte, einer Region absprechen, wäre es ein leichtes, den Krankenkassen den Tarmed mit einem realen Taxpunktwert oder gar ein alternatives Tarifwerk mit realen Kostenrechnungen aufzuzwingen.

Für die obligatorische Krankenversicherung gilt seit dem 1.1.2004 der Tarmed. Seinerzeit wurde den Ärzten ein Taxpunktwert von 1.- CHF zwar versprochen, aber nie umgesetzt (aktuell 0.83 CHF!). Den Krankenkassen würde also bei Vertragsfreiehit ein Taxpunktwert von 1.- CHF plus Teuerung, plus die Kosten für IT und den grosszügigen Ausbau der Bürokratie angeboten. Kommen auf dieser Basis keine Verträge zustande, wird wie vor dem Tarmed ein freies Honorar direkt mit dem Patienten abgerechnet.

Daran würden auch HMO und Praxisketten, die den Krankenkassen andere Verträge anbieten würden, wenig ändern. Sie benötigen reichlich Ärzte, die knapp sind und knapper werden. Die Anstellungsbedingungen sind im Vergleich zu einer gut konzeptionierten Einzelpraxis schlecht. Für die Grundversorgung braucht es darüber hinaus einen speziellen Schlag von Ärzten mit breiter Ausbildung, einem breiten Kreuz und Kenntnis der Eigenheiten der Hausarztmedizin. Diese fehlen den HMO und Praxisketten schon jetzt. Vermutlich käme es in den Agglomerationen zu einem Nebeneinander der beiden Konzepte. Im ländlichen Raum würden die Ärzte die Preise diktieren. In den Agglomerationen hätten freie Praxen ohne Vertrag dennoch ausreichend Patienten (warum das so ist darauf gehe ich weiter unten kurz ein).

Auf Seiten der Patienten sähe die Situation weniger rosig aus. Die Krankenkasse würde quasi vorgeben, zu welchem Arzt man gehen kann, nämlich nur zu denen mit Vertrag. Dabei würde sie auch den Leistungsrahmen abstecken. Selbstverständlich wären in den Verträgen “Kostenbremsen” enthalten. Im Gegensatz zum jetzigen Zustand würden die Vertragsärzte, ähnlich wie beim abgelehnten “Managed Care”, eine versteckte Rationierung vornehmen. Wohin das führt, kann man in Deutschland besichtigen – die ambulante Medizin ist dort inzwischen zur Farce verkommen.

Es ist zu vermuten, dass ein Bedarf an Zusatzversicherungen entstehen würde, die die freie Arztwahl und Zusatzleistungen wieder ermöglichen würden. Mit der Zeit würde sich ein System aus Grundversicherung über die “Wahlärzte der Versicherungen” etablieren, dass von einem System der “Wahlärzte der Patienten” (über eine private Versicherung gedeckt) begleitet würde. Etwas, was das heutige System nicht ermöglicht – es gibt in der Schweiz bisher keine nennenswerte ambulante Privatmedizin -, was aber von einigen Kollegen schon länger gefordert wird (“Öffnung des Tarmed”).

Aus ärztlicher Sicht kann man also der Politik und den Krankenkassen nur zurufen, “ja, bitte Vertragsfreiheit!”. Als Patient fährt man mit dem jetzigen System wohl besser, das ja über spezielle Verträge (Hausarztmodell, HMO-Model, Telefon-Modell) schon heute vergünstigte Prämien für den Preis der Einschränkung der freien Arztwahl und der Leistung bietet.

Deshalb wird es wohl auch zu keiner Änderung kommen, man erinnere sich an die Managed-Care-Abstimmung. “Schade eigentlich”, denkt der Unternehmener in mir und, “zum Glück”, der Patient.

 

 

Intelligenz der Masse?

Gestern war in der Schweiz Abstimmungsonntag. Je nach Kanton war die Schweizer Bevölkerung unterschiedlich gefordert, wichtige politische Weichenstellungen in Bund, Kanton und Gemeinde mit Ihrer Stimme zu gestalten. Im Zentrum stand die sogenannte “Durchsetzungsinitiative”. Sie hatte in den letzten Monaten zu einer regen, teilweise polarisierenden Debatte geführt.

Initiiert hatte sie die stärkste Partei der Schweiz, die SVP, nachdem sie die ebenfalls von ihr vor etlichen Jahren angestossene “Ausschaffungsinitiative” vom Parlament nur eingeschränkt umgesetzt sah. Verkürzt dargestellt ging es darum, Ausländer, die straffällig geworden sind, bezüglich definierter Delikte automatisch auszuweisen. Insbesondere wollten die Initianten, dass die Ausweisung zwingend und ohne Härtefallklausel erfolgen sollte.

Die “Durchsetzungsinitiative” wurde am gestrigen Sonntag klar abgelehnt (Nein: 59.9 %, Ja: 41.1 %). Stattdessen kommt nun zwar auch die zwingende Ausweisung bei Verurteilungen soweit sie einen definierten Katalog an Straftaten betreffen, es kann jedoch in Härtefällen davon abgesehen werden. Debatte wie Abstimmung wurden auch vom Ausland begleitet. Die Ablehnung soll nun sogar eine leuchtende Fackel für den Rest Europas sein, beeilen sich deutschsprachige Medien zu berichten.

Man fragt sich ob die deutschsprachige Qualitätspresse realisiert hat, wofür diese Abstimmung, unabhängig von ihrem Gegenstand und der eigenen Meinung dazu, eigentlich steht. Nämlich dafür, dass “das Volk” lange nicht so dumm ist, wie von der Politik gern behauptet wird und dass es sehr wohl differenziert. Man könnte die Abstimmung gar als Mahnung sehen, dass nirgendwo in Europa die Menschen derart weitreichend und regelmässig ihre ureigensten Belange selbst entscheiden dürfen.

In vielen (allen?) europäischen Demokratien werden die wichtigen politischen Fragen von einer satt gewordenen Berufspolitikerkaste bzw. zunehmend von ausserhalb jeder parlamentarischen Kontrolle stehenden EU-Technokraten getroffen. In der Schweiz ist das anders, warum in Zukunft nicht im Rest Europas auch?

Seit 1848 gibt es – mit Modifikationen – das jetzige direktdemokratische System der Schweiz. Betrachtet man die europäische Geschichte der letzten 150 Jahre, so finden sich viele kleine und mehrere grosse menschengemachte Katastrophen mit Millionen von Toten. Die Architekten waren jeweils Angehörige der sogenannten “Eliten”, eben jener gebildeten, gut situierte Bevölkerungsschicht, die seit Generationen meint, sie wisse es besser als “das dumme Volk”. Warum hat sich aber die durch “völkische Massen” gesteuerte Schweiz die gesamten 150 Jahre nie an den “grossen” europäischen Projekten, die dann zu Tragödien mutierten, beteiligt? Eine Frage, über die es sich lohnt nachzudenken und die man drüber hinaus als Appell an die Zukunft sehen könnte.

Politische Debatten, gerade auch über Ausländerfragen, werden in der Schweiz sehr offen und nur mit wenigen Tabus geführt. Solange argumentiert, statt diffamiert wird, ist fast alles erlaubt. Gleichzeitig gibt es nur sehr selten extreme Entscheidungen.

Auch daraus könnte Europa und insbesondere der nördliche Nachbar lernen.

 

Gravitationswellen

Roger Letsch auf unbesorgt.de über ganz spezielle Gravitationswellen:

Roger Letsch: Gravitation und Journalismus

Eine nette Ergänzung ist folgender Artikel aus der aktuellen Weltwoche (1):

Kurt W. Zimmermann: Ein Spiegel der Kulturen

(1) Ja ich lese Pressererzeugnisse, die nicht meine eigene Lebensanschauung widerspiegeln; derzeit Zeit, Spiegel, Weltwoche, die Achse des Guten u.v.a.m. Und ja, ich empfehle das nachzumachen – Meinungsvielfalt, Pluralismus, offene Gesellschaft, freies Denken und so.