Quellen und O-Töne

Anders als Europäern und US-Amerikanern, ist vielen Israelis nicht erst seit der einseitigen Aufkündigung durch Abu Abbas klar, dass der “Friedensprozess” mit den “Palästinensern” gescheitert ist. Während der Vatikan einen “Staat Palästina” anerkennt, dämmert vielen, dass die “Zwei-Staaten-Lösung”, also ein “palästinensischer” Staat neben Israel, eine Sackgasse ist.

Dafür gibt es viele Gründe, die meisten lassen sich aus der Haltung der “palästinensischen” Vertreter gut herleiten. Wen die Hintergründe interessieren, und wer der Einseitigkeit europäischen Berichterstattung entkommen möchte, dem seien folgende Websites empfohlen, die sich zur Aufgabe gemacht haben, die Originaltöne aus dem Arabischen ins Englische zu übersetzen:

The Middle East Media Research Institute (MEMRI)
Palestinian Media Watch (PMW)

Auf israelischer Seite wird von einer wachsenden Minderheit über alternative Lösungen nachgedacht. Lösungen, die die unheilvolle Rolle der EU sowie der Obama-Administration beenden und unabhänging vom doppelten Spiel von Hamas und Fatah sind.

Caroline Glick, Senior Contributing Editor der Jerusalem Post, schildert in ihrem Buch, The Israeli Solution, die Hintergründe. Es ist nur eine Stimme in der grossen Meinungsvielfalt Israels. Aber es fasst gut zusammen, warum die Stimmen, die “Zwei-Staaten-Lösung” aufzugeben, lauter werden.

Pflichtlektüre für jeden, der in Europa nicht nur eine Meinung, haben will, sondern an Hintergrundwissen über die Vorgänge im Mittleren Osten interessiert ist.

Angekommen

Am Ende des Jahres zieht man ja gern Bilanz. Auslöser für meine Flucht und Übersiedlung in die Schweiz war seinerzeit die berufliche Situation. Die Arbeitsbedingungen in deutschen Spitälern waren unzumutbar, die Medizin beliebig, die Bezahlung mies und Perspektiven gab es keine.

Ganz anders lief es vom ersten Tag an in der Schweiz. Meine Oberärzte waren verfügbar, bildeten mich aus (!) und griffen gern auf meine in der BRD erworbenen Erfahrungen zurück. Nach den (deutschen)  Jahren als zappelnder, nachlässig ins (kalte) Wasser geworfener Fisch, durchpflügte ich nun in ruhigen Bahnen den medizinischen Ozean. Die Lebensqualität stieg, meine wirtschaftliche Situation besserte sich stetig. Meine heutige berufliche Position und das damit verbundene Salär, treibt auch deutlich besser qualifizierten Daheimgebliebenen Tränen in die Augen.

Das eigentlich spannende daran ist aber der kulturelle Hintergrund, der all dies erst möglich machte. Diese Gesellschaft und ihre Kultur, die durch und durch von unten nach oben organisiert ist und in der länger als sonst in Europa individuelle Freiheit von jedem gelebt werden kann.

Vermutlich werden jetzt viele Deutsche, die die Schweiz gut kennen, widersprechen. Die Soziale Kontrolle in der Schweiz sei doch extrem hoch. Komplexe soziale Regeln seien allgegenwärtig. Jeder, der sich dauerhaft vom Durchschnitt entferne, werde gnadenlos auf ebendiesen zurückgestutzt.

Das mag sein, ist aber nur die Oberfläche. Ein zartes Tuch, das über der ganzen Schweiz liegt, unterschiedliche Farben und Muster aufweist, je nach Kanton, Tal und Gemeinde. Der Kitt, der es streitbaren Menschen, die sich grundsätzlich von niemandem etwas sagen lassen, ermöglicht zusammenzuleben, ohne sich gegenseitig totzuschlagen. Ein soziales Regulativ, das von Deutschen gern als freundliche Spiessigkeit missverstanden (und ernstgenommen) wird. Dabei ist es nur ein charmanter Code, mit dem man den anderen ständig seine friedlichen Absichten signalisiert.

Es scheint, als müsste man dieses zarte Tuch entfernen, wenn man als Deutscher die Schweiz verstehen will. Darunter leben Menschen, für die es von der frühen Jugend an zur Alltagserfahrung gehört, dass ihr Handeln und Denken unmittelbar Auswirkungen auf ihr Schicksal hat. Es ist ihre Zukunft, die sie mit ihrer Ausbildung begründen. Es sind ihre Ressourcen, die die Gesellschaft und “der Staat” verbrauchen. Es ist ihre Freiheit, die mit Gesetzen gegebenenfalls eingeschränkt wird. Es besteht ein gesundes Misstrauen gegenüber Autoritäten, gegenüber Ideologien und Heilsversprechen.

In Gesprächen mit Deutschen, kommt an dieser Stelle oft der Einwand, das sei doch in Deutschland genauso. Wirklich? Auch nach 66 Jahren BRD scheint mir das durch Kaiser und Potentaten von oben nach unten geprägte Denken in Deutschland allgegenwärtig.

Der Unterschied lässt sich anhand exemplarischer politischer Grundsatzdiskussionen gut illustrieren:

  1. Es gibt wenige Deutsche, die eine direkte Demokratie wie in der Schweiz befürworten. Viele scheinen sich selbst für klug, den Rest, das “Volk”, aber für dumm zu halten und paraphrasieren gern von “extremen Entscheidungen” oder gar von “1933”. Wer sich die Mühe macht, die Geschichte der direkten Demokratie der Schweiz mal genauer anzuschauen, findet nichts, gar nichts, was das bestätigen würde.
  2. Kaum jemand in Deutschland versteht, dass die Schweiz kein Verfassungsgericht hat und die Einführung eines solchen keine Mehrheit finden würde. Nicht dass man das Konzept Verfassungsgericht in der Schweiz nicht verstanden hätte, aber eine direkte Demokratie braucht ein solches gar nicht. Die Bevölkerung macht die Verfassung ja selbst und kann sie jederzeit ändern. Jedes andere Gesetz wird von der Bevölkerung bestätigt. Entweder durch einen direkten Entscheid oder dadurch, dass man die Regierung gewähren lässt, ohne das Referendum zu ergreifen. Ein Verfassungsgericht würde die gewollte “Herrschaft” der Vielen wieder auf die von Wenigen reduzieren. Man muss diesen Gedanken nicht teilen, wer ihn aber sofort als Blödsinn abtut, denkt eben “top down”, statt “bottom up”.
  3. Diskussionen über Waffengesetze laufen in Deutschland meist völlig irrational ab. Gern nach der Logik, “viele Waffen = viel Gewalt, das muss man doch nicht diskutieren”.
    Während der Jahre in Deutschland fand ich die Tatsache, dass die Wahrscheinlichkeit, dass mein Gegenüber eine Waffe besitzt, verschwindend gering ist, sehr entspannend. Andererseits ist die Schweiz ein sehr friedliches Land, trotzdem jeder wehrfähige Mann (!) eine Waffe im Schrank hat. Man muss dieses Konzept nicht teilen, aber es ist weniger rational, als “top down” gedacht, den Gedanken, dass eine bewaffnete Bevölkerung von einer weitgehend unbewaffneten zentralen Regierung nicht “gleichgeschaltet” werden kann, von vornherein abzutun.
  4. Auf der Liste der verabscheuungswürdigsten Verbrechen scheint in der BRD Steuerhinterziehung gleich hinter Kindesmissbrauch zu kommen. Gern wird die juristische Unterscheidung von Steuerhinterziehung und Steuerbetrug in der Schweiz von vornherein als “Geschenk an die Reichen” abgetan. Oft mit dem Hinweis Steuerhinterzieher kämen “glimpflich” davon. Im Gegensatz zu Steuerbetrug ist Steuerhinterziehung in der Schweiz zwar tatsächlich keine Straftat, aber sie wird natürlich geahndet, und zwar mit extremen Bussen und Steuerzuschlägen, so dass es auch “die Reichen” (wieder so ein Schlagwort aus der “Top-Down-Welt”) empfindlich trifft.
    Hintergrund der Unterscheidung ist auch hier das “Bottom-up-Prinzip”. Was der Bürger erwirtschaftet, gehört zunächst einmal ihm. Diese Einkünfte und damit die Berechnungsgrundlage für die Steuer werden von ihm deklariert. Nach dem gleichen Prinzip, nach dem angenommen wird, dass der normale Besucher eines Ladens kein Dieb ist, gilt dies zunächst einmal. Zweifel müssen, anders als in der BRD, rechtsstaatlichen Prinzipien folgen.
  5. Eine gesunde Demokratie hat in der Regel ein buntes politisches Spektrum mit einer breiten von “Links” nach “Rechts” reichenden Vertretung der Mehrheit und politisch wenig bedeutsamen extremen Rändern. In der Schweiz ist es deshalb völlig normal, dass bei politischen Diskussionen “Linke” und “Rechte” an einem Tisch sitzen und miteinander streiten. Dabei werden Argumente ausgetauscht und das bessere Argument gewinnt. Politische Auseinandersetzungen mittels Labeling, in der die Position des anderen als “neoliberal” (was ist das eigentlich) oder “rechts” diffamiert wird sind die Ausnahme. Es stellt sich darüber hinaus die Frage, was es bedeutet, wenn die Bezeichnung eines Teils des natürlichen von “links” nach “rechts” reichenden Spektrums einer gesunden Demokratie (s.o.) zu einem diffamierendem Label wird.
  6. Die Idee der individuellen Freiheit hat die Geschichte und Kultur Europas sehr geprägt und ist eng mit dem wirtschaftlichen Aufschwung dieses Kontinents verbunden.
    Neben der Freiheit, seine Meinung frei zu äussern, zu denken, was immer man will und der Gleichheit vor dem Gesetz, beinhaltet sie auch ganz pragmatisches. Beispielsweise, dass wer frei sein will, nicht für alles eine Regel und ein Gesetz haben kann. Und dass Freiheit einhergeht mit der Verantwortung für das eigene Handeln. Etwas, das man in der Schweiz noch spüren kann.

Ich gebe zu, ich habe viele Jahre gebraucht, die Schweiz unter dem zarten Schmelz des komplizierten sozialen Codes, der auch heute noch viele Fettnäpchen bereithält, zu entdecken. Aber letztlich war es genau das, was mich neben ganz persönlichen Gründen hier gehalten hat. Je mehr ich aus der Ferne die “alternativlosen” Rezepte der alten Heimat beobachte, desto  weniger zieht es mich zurück und desto mehr fühle ich mich hier angekommen.