Wandersage Hörsturz

Die SRF behauptet in einem kurzen Beitrag, man solle bei Symptomen eines Hörsturzes, sofort einen HNO-Arzt aufsuchen, weil die Therapie sofort beginnen müsse. Gut abgeschrieben von unzähligen Internetquellen, die ins gleiche Horn blasen.

Aber natürlich falsch. Es gibt bisher keine validierte Therapie des Hörsturzes. Was soll also möglichst schnell begonnen werden? Die Verzweiflungstaten mit Cortison? Oder die mit sogenannten “durchblutungsfördernden Mitteln”? Die Infusion von Kochsalzlösung? Massnahmen, die bisher jede Evidenz schuldig geblieben sind.

Auch gibt es hinsichtlich der Ursachen des Hörsturzes bisher nur Vermutungen, niemand weiss wirklich, wie dieses Syndrom entsteht.

Wichtig ist allerdings, sich zügig einem Arzt vorzustellen, um gefährliche andere Ursachen (Differentialdiagnosen) auszuschliessen. Dafür reicht aber zunächst der Hausarzt, einen HNO-Arzt braucht es nur selten.

Zufriedenheit

Ich hatte ein Post von Narkosearzt verlinkt, und er den Link dann kommentiert. Meine Antwort ist länger als geplant geworden, so dass sie mir für einen Kommentar zu schade schien:

Lieber Narkosearzt

Was will man mehr als zufriedene Menschen? Und wer ist Experte für das eigene Schicksal, ausser man selbst? Es steht mir also fern, irgendeinen Entwurf persönlichen Glücks anzugreifen.

Ich erinnerte mich beim Lesen Deines Posts einfach spontan an die Verhältnisse während der Assisstentenjahre in Deutschland, die sich ja inzwischen komplett in paradiesische Zustände verwandelt haben könnten, schliesslich sind seitdem doch schon einige Jahre vergangen.

Meiner Meinung nach herrscht unter deutschen Ärzten (ich pauschalisiere jetzt ungeniert), ein eigentümliches Verständnis dieses so schönen und (einst) so stolzen Berufes. Wirklich bewusst wird einem das wahrscheinlich erst, wenn man das medizinsche Milieu in anderen Ländern kennenlernt, beispielsweise in der Schweiz, in Grossbritannien oder den USA.

Ich finde es obszön, und halte es für pathognomonisch, wenn in einem der reichsten Staaten der Erde, die anspruchsvolle Dienstleistung eines Notarztes für 25.- Euro verramscht wird. Eine Gesellschaft, die Leistungen, die für die betroffenen von so entscheidender Bedeutung sind, auf diese Weise “wertschätzt” ist in einer Form dekadent, die man nur noch schwer in Worte fassen kann. Wenn ich mir dann noch vergegenwärtige, dass medizinische Leistungen dieser Art an den überwiegenden Orten der Erde schlicht gar nicht verfügbar sind, in Deutschland aber selbst noch für den kleinsten glutealen Pickel angefordert werden können, wird mir schlecht. Daran ändert, dass das Hilfe für Hilfsbedürftige ist, überhaupt nichts. Ich bin sicher die Hilfsbedürftigen möchten lieber Hilfe von Profis, statt von leidenschaftlichen Amateuren, die es auch für einen halben Fünfziger machen.

Und was das gesellschaftliche “Darlehen” von 140’000.- betrifft: Ich weiss nicht wie es bei Dir ist, aber ich habe es abgegolten, mit 1 Jahr Wehrdienst, 1 Jahr unentgeltlicher Arbeit (PJ) und 1.5 Jahren Arbeit für ein Handgeld von 1.500.- DM (!) pro Monat während des AiP. Man könnte auch noch die nicht bezahlten Überstunden und die persönlichen Opfer im Sozialeben hinzufügen, wenn man auf dieser Ebene argumentieren wollte. Will ich aber gar nicht, weil so zu diskutieren einer freiheitlichen Gesellschaft unwürdig ist. Diese schräge Diskussion war übrigens auch einer der Gründe, warum ich geflüchtet bin.

Bleiben noch die Patienten, um die es ja eigentlich geht. Billig-Medizin schadet ihnen immer; übermüdete, ausgelutschte Ärzte auch. Würdest Du mit einem Piloten, der dafür 25.- Euro bekommt, und kaum geschlafen hat, von Zürich nach Hamburg fliegen? Eben!

Ich bin nicht Arzt geworden wegen des Geldes – während meines Studiums schien schliesslich eines ganz sicher, dass ich keinen Job finden werde und wenn doch, dann für einen Hungerlohn. Dass es am Ende ganz anders kam, hat mich am meisten überrascht. Aber ich erwarte, dass man sich so begegnet, wie es unter freien Menschen eigentlich üblich ist, auf Augenhöhe. Das schliesst die Wertschätzung der Leistung des anderen mit ein.

Wie gesagt, ich möchte niemandem seine Zufriedenheit absprechen. Glücklich werden soll jeder auf seine Weise. Dass Du zufrieden bist glaube ich Dir, aber argumentativ kann ich nicht folgen. Und zufrieden war ich selbst erst, als ich Deutschland verlassen hatte.

Herzliche Grüsse aus der Schweiz
Dienstarzt