Warum sich die Schweiz für viele nicht lohnt
Veröffentlicht: 4. Dezember 2009 Einsortiert unter: Tips für junge Ärzte | Tags: arbeitsbedingungen, assistenzarzt, auswandern, Oberarzt, schweiz 3 Kommentare »Der Zuzug deutscher Ärzte in die Schweiz ist ungebremst. Doch lohnt sich der Ausflug nicht für alle:
1. GELD: Wegen des Geldes sollten deutsche Ärzte nicht in die Schweiz auswandern; es rechnet sich nicht. Zwar werden im Internet traumhafte Zahlen kolportiert, was man als Assistent oder Oberarzt hier verdienen könne, allerdings scheinen teilweise die Summen in Franken einfach mit einem Eurozeichen versehen worden zu sein. Wer einen realistischen Überblick haben möchte, findet ihn auf der Internetpräsenz des VSAO-Bern. Die Löhne sind kantonal unterschiedlich, der Kanton Bern liegt, wie bei so vielem, im Mittelfeld. Darüber hinaus sind Sozialbeiträge und Steuern zwar geringer, die Lebenshaltungskosten aber deutlich höher. Dazu kommen weniger Ferienwochen pro Jahr, dtl. weniger Feiertage und zumindest nominal höhere vertragliche Arbeitszeiten (meist 50 Stunden wöchentlich plus Überstunden). Auch in der Schweiz wird man übrigens im Vegleich mit Berufen ähnlich differenzierter Ausbildung eher unterbezahlt. Unter dem Strich verdient man meist nicht mehr als in Deutschland. Dies gilt insbesondere für Familien mit Kindern.
2. SPRACHE: Wer glaubt die Sprache sei zumindest in der Deutschschweiz kein Problem, hat schon verloren. Auch für Süddeutsche aus dem alemannischen Sprachraum ist die Gewöhnungszeit an die verschiedenen Dialekte nicht unerheblich. Für alle von nördlich der Donau wird es richtig hart. Denn das, was Emil im deutschen Fernsehen spricht, ist kein Schweizerdeutsch! Sondern was hier unter dem Terminus “Schriftdeutsch”, also Hochdeutsch läuft. Beim Berner Dialekt wird man ahnen, dass es wohl deutsch ist, aber wenig wirklich verstehen. Verschlägt es einen gar ins Oberwallis, nicht mal unbedingt das. Darüber hinaus hat der lokale Dialekt hier einen ganz anderen Stellenwert als in Deutschland: Er ist Muttersprache und gleichsam Ausweis, um dazu zu gehören. Unabhängig von Bildung und sozialem Status redet man untereinander im Dialekt seiner Herkunft. Das Schriftdeutsche wird im Alltag als abgehoben und auch mal als arrogant empfunden. Als Deutscher fühlt man sich sprachlich, wie wenn man im Smoking auf einer Beachparty herumlaufen würde. Noch schlimmer wird es, wenn Deutsche versuchen, einen schweizer Dialekt zu sprechen. Das wäre zwar eine hohe integrative Leistung. Solange man das aber nicht perfekt kann, wird es aber nicht immer goutiert und ist Hochdeutsch allemal besser.
3. KULTUR: Schweizer sind irgendwie Süddeutsche, oder? Mitnichten. Der kulturelle Unterschied ist mindestens ebenso gross wie zu jedem anderen Land, in dem das schon die Sprache signalisiert. Leider wird dies vielen wegen Irrtum Nr. 2 (s.o.) zu spät bewusst. Als Deutscher in der Schweiz zu leben, ist ein bisschen wie nach Asien zu reisen. Man tritt ständig in Fettnäpfchen. Um es zu verstehen, muss man Klischees bemühen: Man stellt andere ungern bloss, tritt ihnen nicht einfach in die Radieschen, sucht lieber den Konsens, statt den Konflikt, drängt sich nicht in den Vordergrund, Direktheit ist ein Makel und man erwartet, das dezente Hinweise genauso beachtet werden, wie ein deutsches, “musst Du Deine Scheisstasche immer im Weg rumliegen lassen”. Andererseits scheint man sich aber gegenseitig den Raum zu geben, dass diese Dinge auch funktionieren können, z.B. scheinen bei Konflikten meist wirklich alle ernsthaft konsensbereit. Darüber hinaus ist das Autoritätsverständnis ein völlig anderes. In Deutschland “top down” (Kaiser und Gröfaz lassen grüssen), in der Schweiz eher “bottom up”. Auch einer der Gründe, warum es hier niedrige Steuern gibt, der Staat mit Misstrauen gesehen wird, das Volk sich das Recht nimmt beispielsweise Minarette zu verbieten und jeder wehrfähige Schweizer eine Knarre im Schrank hat.
4. ARBEITSBEDINGUNGEN: Sie sind deutlich besser, sofern man sich an das System anpassen kann. Teaching heisst hier (zumindest solange der Chef noch kein Deutscher ist), dass man in einem durchdachten Curriculum an neue Aufgaben herangeführt wird. Das deutsche Phänomen, dass in der Weiterbildung hunderte Untersuchungen bescheinigt werden, die nie jemand durchgeführt hat, ist hier schwer vorstellbar. Ebensowenig, dass ein Assistent weitgehend ohne Kontrolle durch den Oberarzt an Patienten herumpfuscht. Es gibt durchaus auch mal bezahlte externe Weiterbildung für Assistenten, für Fach- und Oberärzte sowieso. Darüber hinaus ist die Pflege sehr eigenständig, sehr gut ausgebildet und interessiert sich wenig dafür ob man der Doktor ist. Was zählt ist Können. Die Hierarchien sind flach. Oberärzte, Assistenten und Pflege duzen sich, nicht selten nimmt auch der Chef an diesem Spiel teil. Wunderbar aber ist, dass man all die bescheuerten Zusatzjobs nicht machen muss. Blutentnahmen, venöse Zugänge, Infusionen, Medikamente, EKG etc. werden verordnet und dann machen das andere.
5. FÜHRUNGSSTIL. Solange der Chef noch kein deutscher ist, gibt es deutliche Unterschiede. Das weiter oben schon angesprochene Konsensdenken spielt dabei eine grosse Rolle. Deutsche Härte, Forschheit und Kaltschnäuzigkeit kann in Führungspoitionen (z.B. bei Oberärzten) durchaus mal zur Abreise während der Probezeit führen. Es wird mehr geredet, was natürlich Zeit kostet. Es wird auch mal nach definierten Standards und Leitbildern geführt (wer ein deutsches Spital mit soetwas kennt, bekommt eine Toblerone). Mitarbeiter werden gefördert. Manch Deutscher mag sich darüber lustig machen. In der Praxis bedeutet es aber entspannteres Arbeiten und bessere Qualität für den Patienten.
6. LEBENSQUALITÄT: Sie ist deutlich höher als in Deutschland, wenn man mit Sprache und Kultur klarkommt. Ob das die Qualität der Lebensmittel ist, die Wohnungen, die Infrastruktur, die Landschaft, auch für Deutsche ein spürbarer Mehrwert. Wie in jeder fremden Kultur ist die soziale Integration allerdings eine Herausforderung. Wer hier schnell vorankommen will, sollte irgendwie Schweizerdeutsch lernen. Für Interessierte werden Sprachkurse angeboten.
FAZIT: Jeder der mit Punkt Nr. 3 Probleme hat, sollte sich und den Schweizern seinen Aufenthalt ersparen. Gleiches gilt für die, die viel Geld suchen. Am besten fährt man mit Spitälern und Abteilungen, die noch keinen deutschen Chef haben. Dann können die Lehrjahre in der Schweiz eine neue und lehrreiche Erfahrung werden. Darüber hinaus gibt es auch politisch und weltanschaulich viel zu entdecken. Der eine oder andere soll sogar geblieben sein.
(aktualisiert 27.05.11)
Zum Umgang mit Pharmavertretern
Veröffentlicht: 6. August 2009 Einsortiert unter: Tips für junge Ärzte | Tags: Pharmavertreter 2 Kommentare »Wer als junger Assistent seine erste Stelle angetreten hat, wird schnell merken, dass nicht nur Chef, Oberarzt, Station, Patienten und Angehörige einen dicken Kuchen von seiner knapp bemessenen Zeit abhaben wollen. Da ist auch noch die Gruppe der Vertreter der unterschiedlichen Pharmafirmen, die mit unterschiedlichen Strategien um ein Plauderstündchen bitten. Die einen sprechen einfach die Kittelträger auf dem Gang an, andere suchen einfach das Arztzimmer und lauern ihrer Beute davor auf, manche rufen vorher an; subtilere PR-Strategen schicken einen Brief mit einem Faxvordruck mittels dem man neben Informationsmaterial zum innovativsten aller Betablocker ein kleines Geschenk anfordern kann – in der Arbeitsbienenklasse, versteht sich (Thermoskanne, USB-Stick, Rucksack etc.). Irgendwann bekommt man dann einen Anruf von einem Herrn X von der Firma Y, er sei im Haus und er würde gern den bestellten USB-Stick vorbeibringen. Während er ihn überreicht, schlägt er ein klitzekleines Informationsgespräch vor …
Am Anfang denkt man sich wenig dabei. Schliesslich steigert es die eigene Wichtigkeit enorm, mit kleinen Aufmerksamkeiten bedacht zu werden. Auch die Information über Studien zu den vertetenen Medikamenten erscheint als Vorteil – als kleine Weiterbildung zwischendurch. Schliesslich wollen die forschenden Firmen für den Patienten nur das beste, werden von den Zulassungsstellen kontrolliert und man selber hat sowieso von nichts eine Ahnung. Ist doch gut, wenn man etwas lernt.
Jenseits aller moralischen Fragen merkt man allerdings schnell, dass es verschwendete Zeit ist: Kugelschreiber und Papier gibt es auch im Stationszimmer umsonst, die USB-Sticks und Rucksäcke sind von eher minderer Qualität und die erwartete Weiterbildung ist sehr einseitig, ihre Quellenlage nicht vertrauenswürdig. Wer wirklich etwas über Arzneimittel lernen will, sollte eines der furztrockenen und bis auf die Knochen skeptischen Journals lesen, z.b. Pharma-Kritik oder das Arzneitelegramm.
Und was die Moral betrifft, so ist völlige Abstinenz für Assistenzärzte sicherlich übertrieben. Wären sie bestechlich, hätte es auf Grund ihrer eingeschränkten Kompetenzen nur wenig Einfluss. Viel wichtiger scheint, die Mechanismen dieses mit unglaublichen Ressourcen ausgestatteten Apparates kennen zu lernen und sie mit der Zeit kritisch zu hinterfragen. Eine interessante Quelle ist in diesem Zusammenhang neben der eigenen Erfahrung der Blog Stationäre Aufnahme.
Und wer dennoch Bedarf an Thermoskannen, USB-Sticks und anderem Trash hat, der bestellt sie und bittet den Überbringer so nett zu sein, das Geschenk an der Reception abzugeben, weil man es dummerweisegerade heute nicht selbst in Empfang nehmen könne.
Pharma-Kritik online
Arzneitelegramm online
Stationäre Aufnahme
Tip: Sanford umsonst
Veröffentlicht: 29. Juli 2009 Einsortiert unter: Bücher, Tips für junge Ärzte Schreibe einen Kommentar »
Hatte neulich durch einen Zufall entdeckt, dass es von GSK den Sanford Guide to Antimicrobial Therapy als für die Schweiz überarbeitete Version gab. Prompt eine Mail an GSK geschrieben, die das seinerzeit promoted hatten. Die Version für die Schweiz gibt es leider nicht mehr. Aber sie haben mir ein englisches Original von 2009 geschickt – umsonst versteht sich. Wer ihn auch gern hätte, ich habe einfach an die auf der GSK-Website vorhandene Kontaktmöglichkeit gemailt.
Siehe auch: Sanford Guide Web Edition
Der klinische Befund
Veröffentlicht: 5. April 2009 Einsortiert unter: Tips für junge Ärzte | Tags: Überversorgung, klinische Untersuchung Schreibe einen Kommentar »Eigentlich eine medizinische Banalität und doch immer wieder gern unterschätzt: der klinische Befund, Resultat der körperlichen Untersuchung. Gerade bei jungen Assistenten lässt sich diesbezüglich ein gewisses Misstrauen gegenüber einer der ältesten und effektivsten ärztlichen Werkzeuge beobachten. Lieber zieht man schon auf dem Weg zum Patienten die Schrotflinte und verordnet ein “breites” Labor, EKG, Röntgenthorax (den Schein fürs CT legt man schon mal parat) und was die moderne Akutmedizin eben sonst noch so hergibt. Schliesslich könnte man ja etwas Gefährliches übersehen.
Fragt sich nur, ob man so wirklich weniger Fehler macht. Selbst die beste Schrotflinte nützt bekanntlich nichts, wenn man in die falsche Richtung schiesst. Darüber ergeben sich natürlich einige grundsätzliche erkenntnistheoretische Fragen, mit denen ich jedoch an dieser Stelle niemanden langweilen will.
Die Botschaft ist, mit Anamnese und Befund hat man eine äusserst effektive und valide Methode, um auch (oder gerade) hoch akute Situationen unter Zeitdruck sicher zu lösen. Natürlich funktioniert das nicht, wenn man erst 30 Minuten Anamnese erhebt und dann noch mal 30 Minuten den Patienten nach Lehrbuch durchuntersucht. Vielmehr muss man so geübt sein, dass man die verschiedenen Untersuchungstechniken in organ- bzw. systemspezifischen Blocks problemorientiert kombinieren kann. Auf diese Art lassen sich die Hauptprobleme meist innert 5 Minuten identifizieren – oder eben die offenen Fragen, die es gilt mit gezielter Zusatzdiagnostik weiter abzuklären.
Also: Die klinische Untersuchung ist das zentrale Element, dessen Resultat zusammen mit der Anamnese alle weiteren Schritte bestimmt. Zusatzuntersuchungen müssen sich durch den klinischen Befund begründen lassen, wenn nicht, besteht keine Indikation und es gibt absolut keinen Grund, sie “zur Sicherheit” zu verordnen.
Die Anamnese ist kein Protokoll
Veröffentlicht: 26. März 2009 Einsortiert unter: Tips für junge Ärzte | Tags: anamnese Schreibe einen Kommentar »Wir lernen zu Recht wie wichtig es ist, dem Patienten bei der Anamnese gut zuzuhören. Etwas pointiert fällt dabei gern der Satz, “der Patient hat immer recht”. Das sollte man nie vergessen, wenn man später seinen Patienten gegenüber sitzt – einerseits. Andererseits klingen Anamnesen in Arztbriefen oft so, als würden Fakten beschrieben. Das ist selbstverständlich falsch. Jeder Mensch hat seine eigene Sicht auf die Dinge, auch auf seine Krankengeschichte und Symptome. Darüber hinaus haben auch Patienten, wie jeder Mensch, Motive, wenn sie ihrem Doktor erzählen, wo der Schuh drückt. Da mag es darum gehen, einfach nur ernst genommen zu werden, vielleicht hat einen auch der Chef die letzten Monate derartig gequählt, dass man ein paar Tage Ruhe braucht (und eine AUF) oder es geht gar um Rentenansprüche.
Nun sind Ärzte keine Polizisten und Misstrauen ist keine Basis für eine gute Arzt-Patienten-Beziehung, aber es gehört zu unseren Aufgaben, die Anamnese zu ordnen. Also herauszufinden, worum es aktuell eigentlich geht (die akuten Rückenschmerzen oder der gebrochene Zeh vor 10 Jahren?) und das Gesagte in gewisser hinsicht auch zu bewerten (medizinisch relevant, medzinisch plausibel?). Dabei geht es weniger um Misstrauen, als um begründete Skepsis, die von einem Arzt in jeder Hinsicht zu fordern ist.
Wer also einfach nur aufschreibt, was der Patient erzählt und Anamnese drüber setzt, ist bloss ein Protokollant aber sicher kein Arzt. Darüber hinaus handelt es sich um sekundäre Informationen, Hörensagen wenn man so will. Die deutsche Sprache hat dafür übrigens den Konjunktiv vorgesehen. In Briefen muss es also heissen, “er habe seit drei Tagen Übelkeit und Erbrechen”, denn man war ja nicht dabei.
