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Wie wichtig dies ist, sieht man an der aktuellen Schweinegrippendiskussion in den einschlägigen Medien. Wenn es dumm läuft, knocken wir uns im Herbst selbst aus, weil die in Verdachtsfällen vorgesehenen Massnahmen und die damit verbundene Bürokatie in keinem Verhältnis zum eigentlichen Problem stehen. Einen interessanten Einstieg (!) in die Hintergründe bietet das Interview mit Tom Jefferson auf Spiegel Online, der ja vom Fach und kein Esoteriker ist. Man beachte auch die aufschlussreiche Graphik am Ende. Weitere Links auf Artikel habe ich auf Twitter gepostet, auch die Übersichten in der Cochrane Library sollte man kurz sichten. Damit es keine Missverständnisse gibt: Ich möchte nicht für Nichtstun argumentieren, aber für das notwendige Augenmass.
Interview mit Tom Jefferson auf Spiegel Online
Beiträge in der Cochrane Library
Gern gegeben bei Patienten, die ein bisschen aufdrehen: Lorazepam als Plättchen, das man unter die Zunge legt (z.B. Temesta expidet). Diese Applikationsform ist nicht unpraktisch, wenn der Patient so agitiert ist, dass er nur ungern eine ausgewachsene Tablette schlucken mag oder sie aus anderen Gründen nicht schlucken kann.
Eine weitverbreiteter Irrglaube ist allerdings die Annahme, man erreiche so eine beschleunigte Wirkung. Wie bei der normalen Tablette, braucht es – je nach Metabolismus des Patienten – durchaus 20 bis 30 Minuten zum Wirkungseintritt, die maximale Plasmakonzentration wird gar erst nach 2 bis 3 Stunden erreicht. Wer es wirklich eilig hat, muss auf die i.v.-Applikation zurückgreifen.
Literatur:
Greenblatt DJ, Divoll M, Harmatz JS, Shader RI.: Pharmacokinetic comparison of sublingual lorazepam with intravenous, intramuscular, and oral lorazepam, Journal of pharmaceutical sciences, 1982 Feb;71(2):248-52
Benkert, O, Hippius, H: Kompendium der Psychiatrischen Pharmakotherapie, Springer-Verlag, Berlin 2005.
Fachinformation bei Documed
Eigentlich eine medizinische Banalität und doch immer wieder gern unterschätzt: der klinische Befund, Resultat der körperlichen Untersuchung. Gerade bei jungen Assistenten lässt sich diesbezüglich ein gewisses Misstrauen gegenüber einer der ältesten und effektivsten ärztlichen Werkzeuge beobachten. Lieber zieht man schon auf dem Weg zum Patienten die Schrotflinte und verordnet ein „breites“ Labor, EKG, Röntgenthorax (den Schein fürs CT legt man schon mal parat) und was die moderne Akutmedizin eben sonst noch so hergibt. Schliesslich könnte man ja etwas Gefährliches übersehen.
Fragt sich nur, ob man so wirklich weniger Fehler macht. Selbst die beste Schrotflinte nützt bekanntlich nichts, wenn man in die falsche Richtung schiesst. Darüber ergeben sich natürlich einige grundsätzliche erkenntnistheoretische Fragen, mit denen ich jedoch an dieser Stelle niemanden langweilen will.
Die Botschaft ist, mit Anamnese und Befund hat man eine äusserst effektive und valide Methode, um auch (oder gerade) hoch akute Situationen unter Zeitdruck sicher zu lösen. Natürlich funktioniert das nicht, wenn man erst 30 Minuten Anamnese erhebt und dann noch mal 30 Minuten den Patienten nach Lehrbuch durchuntersucht. Vielmehr muss man so geübt sein, dass man die verschiedenen Untersuchungstechniken in organ- bzw. systemspezifischen Blocks problemorientiert kombinieren kann. Auf diese Art lassen sich die Hauptprobleme meist innert 5 Minuten identifizieren – oder eben die offenen Fragen, die es gilt mit gezielter Zusatzdiagnostik weiter abzuklären.
Also: Die klinische Untersuchung ist das zentrale Element, dessen Resultat zusammen mit der Anamnese alle weiteren Schritte bestimmt. Zusatzuntersuchungen müssen sich durch den klinischen Befund begründen lassen, wenn nicht, besteht keine Indikation und es gibt absolut keinen Grund, sie „zur Sicherheit“ zu verordnen.
