Märchen Economy-Class-Syndrom
Veröffentlicht: 28. Februar 2012 Einsortiert unter: Binsenweisheiten | Tags: accp, guidelines, leitlinie, thrombose Schreibe einen Kommentar »In den letzten Jahren schien die Heparinspritze auf Flügen langsam en vogue zu werden. Man erinnert sich an so manches Gezeter mit Patienten, die glaubten, es handele sich um eine Kassenleistung für Jedermann.
Seit Erscheinen der neuen Guidelines des American College of Chest Physicians (ACCP) zu Lungenembolie/Thrombose Anfang des Jahres besteht Hoffnung, dass der Spuk nun ein Ende hat. Danach ist das sogenannte Economy-Class-Syndrom wohl ein Märchen. Vielmehr scheinen die Thromboserisiken auch in der Luft der etablierten bodengestützten Logik zu folgen: Ein erhöhtes Risiko entsteht allein aus den bekannten, die Koagulationsbereitschaft steigernden Faktoren. Darüber lässt sich auch ein erhöhtes Risiko für Passagiere auf Fensterplätzen in allen Klassen (!) erklären.
Von einer generellen prophylaktischen Gabe von niedermolekularen Heparinen wird abgeraten. Allgemein empfohlen werden auf Flügen länger als 6 Stunden bei Patienten mit Risikofaktoren nicht Heparine oder ASS (das nun auch als eine mögliche nachgeordnete Alternative genannt wird) sondern regelmässiges Aufstehen und Umhergehen, das Betätigen der Wadenmuskulatur, ein Sitz am Gang und Kompressionsstrümpfe. Heparine und ASS sollten allein bei Patienten mit hohem Risiko und vor dem Hintergrund des individuellen Risikoprofils diskutiert werden.
Pressemitteilung des ACCP
Guidelines des ACCP
Eiserne Müdigkeit
Veröffentlicht: 3. August 2011 Einsortiert unter: Binsenweisheiten | Tags: eisenmangel, fatigue, müdigkeit Schreibe einen Kommentar »Müdigkeit ist einer der häufigen Konsultationsgründe in der Hausarztpraxis. Meist sind die Gründe vielfältig und harmlos. En vogue ist die Suche nach dem Zusammenhang zwischen der empfundenen Fatigue und einem Eisenmangel, insbesondere bei jungen Frauen und solchen mittleren Alters. Im Windschatten dieser an sich schon älteren Erkenntnis hat sich in den letzten Jahren eine neue Schwerindustrie etablieren können, der Handel mit Eisen, vor allem in flüssiger, intravenös zu verabreichender Form. Je nach Interessenlage werden die Indikationsgrenzen entsprechend weit gesteckt. Und so gibt es zur Frage, ab welchem Ferritinwert die Eisensubstitution sinnvoll ist, mindestens so viele Meinungen wie es Hersteller von intravenösen Eisenformulierungen gibt.
Interessant ist in diesem Zusammenhang eine charmante kleine Studie von Pierre-Alexandre Krayenbühl und seinen Kollegen. Eingeschlossen wurden Frauen mit Müdigkeit, einem Ferritinwert unter 50 ng/ml aber normalem Hb. Randomisiert wurde ihnen Eisensaccharose oder Placebo infundiert. Innerhalb weniger Wochen kam es bei allen zu einem Rückgang der Müdigkeit. Signifikant war diese Wirkung jedoch nur bei den Frauen mit einem Ferritin weniger/gleich 15 ng/ml oder einer Transferrinsättigung unter 20%.
Ein gutes Argument, auf den Trend zur grosszügigen Indikationsstellung der intravenösen Eisensubstitution eher zurückhaltend zu reagieren.
Empirische Antibiotikatherapie
Veröffentlicht: 3. Mai 2011 Einsortiert unter: Binsenweisheiten, Links | Tags: antibiotika, empirische therapie, fosfomycin Schreibe einen Kommentar »In Zeiten zunehmender Resistenzen kann nicht oft genug auf den rationalen Einsatz der empirischen Antibiotikatherapie hingewiesen werden. Die meisten Infekte, die der Allgemeinarzt zu sehen bekommt, vergehen von allein und benötigen keine über das Symptomatische hinausgehende Therapie.
Müssen dennoch Antibiotika eingesetzt werden, sollte die Behandlung gezielt in Richtung des vermuteten Keimspektrums und möglichst kurz erfolgen. Der grosszügige Einsatz der Chinolone sollte, wenn möglich, wegen der schnellen Resistenzbildung und ihrer Reservefunktion vermieden werden. Dies gilt insbesondere für die Unkomplizierten Harnwegsinfekte, da hier meist gut mit Cotrimoxazol gearbeitet werden kann – unter Vorbehalt der lokalen Resistenzlage, über die die Universitätsspitäler gern Auskunft geben.
Den Einsatz des bequemen Fosfomycin (single shot) als Standardtherapie des Unkomplizierten Harnwegsinfektes sollte man hinterfragen. Auch unter Fosfomycin wird eine schnelle Resistenzbildung beobachtet. Darüber hinaus nehmen multiresistente Keime bei der Cystits der Frau zu (Stichwort ESBL). Fosfomycin könnte hier eine Alternative sein, soweit nicht schon durch wiederholte Standardtherapie “verbrannt”.
| Infektion | Therapie und Dauer |
| Streptokokken-Tonsillitis | Penicillin für 10 Tage Amoxicillin, Cefuroxim für 5 Tage Azythromycin für 3 Tage |
| Unkomplizierte Sinusitis | Amoxicillin für 5 Tage |
| Ambulant erworbene Pneumonie | Amoxicillin/Clavulansäure 3 bis 5 Tage nach Entfieberung (unkompliziert) |
| Unkomplizierter Harnwegsinfekt | Cotrimoxazol für 3 Tage Nitrofurantoin für 3 bis 5 Tage |
| Pyelonephritis | Ciprofloxacin (Chinolone) für 7 Tage Andere für 14 Tage |
| Erysipel, Zellulitis, Phlegmone | Amoxicillin/Clavulansäure für 5 bis 10 Tage (mindestens 3 Tage nach Entfieberung) |
Bei versagen der empirischen Therapie, sollte in jedem Fall eine Kultur zur Keimbestimmung mit Antibiogramm angelegt werden.
Referenzen:
Übersichtsartikel Swiss medical Forum 20.04.11
Übersicht Arznei-Telegramm (vgl. Abschnitt Fosfomycin)
Krank feiern – die ultimative Anleitung
Veröffentlicht: 28. April 2011 Einsortiert unter: Binsenweisheiten | Tags: auf, krank feiern, krankschreibung Schreibe einen Kommentar »Ein nicht zu vernachlässigender Anteil der Patienten, die mit Leidensmiene auf dem Stuhl vor dem Schreibtisch des staunenden Allgemeinmediziners Platz nehmen, möchte vorübergehend von den täglichen Mühen des Broterwerbs befreit werden. Meist handelt es sich um 23jährige Männer in sehr gutem Allgemeinzustand, die seit mindestens einer Woche literweise Blut gespuckt haben und aufrecht, mit festem Händedruck den Stuhl der Siechen und Kranken erreichen konnten. Darüber hinaus lässt sich ein phantasievolles knappes Dutzend anderer Konsultationsgründe identifizieren, die den Eindruck erwecken als gäbe irgendwo eine Anleitung, der man sich bediente.
Das Internet ist voll davon. Allerdings sind sie alle nicht zu empfehlen. Vielmehr sollte jeder, der krankgeschrieben werden möchte, dieser selbstverständlich ultimativen (und für einige enttäuschenden) Anleitung folgen:
Ärzte sind nicht blöder als der Rest der Bevölkerung und sie haben dem Aspiranten auf eine zusätzliche Ferienwoche die alltägliche Erfahrung voraus. Wer jeden Tag im Fünfzehnminutentakt Geschichten über menschliche Schwächen hört, der riecht meist schon die kleinen Lügen, wenn sie demonstrativ humpelnd zur Tür hereinkommen. Das Muster stimmt nicht mehr. Auch ist vieles, das erzählt wird, objektivierbar. “Fieber von über 40 Grad” am Morgen und in der Praxis gemessene 36.4° am Nachmittag sind dabei noch die leichteste Übung.
Was wird wohl der wohlwollende Hausarzt denken, wenn er den Eindruck hat, man hielte sein medizinisches Wissen für genauso begrenzt wie das eigene? Genau!
Darüber hinaus können dramatische Leidensgeschichten unerwartete Folgen haben. Nicht immer hat man Lust, die Phantasterei von mehreren Litern Blut, die sich seit einer Woche hustend in der Umgebung verteilen, auf die eigene Verantwortung zu nehmen. Schliesslich kann man sich täuschen. So wird aus dem Wunsch nach ein paar Tagen Ruhe schnell eine Rechnung über 600.- Franken. Bei den zunehmend üblichen Franchisen von 2’500.- muss dann bald das Konto auch zum Arzt.
Falsch ist die weit verbreitete Annahme, dass eine Krankschreibung im Ermessen des Arztes stünde, oder gar in dem des Patienten. Letztlich muss sie einer Überprüfung durch Bürokraten standhalten können. Bei vier Wochen Arbeitsunfähigeit nach einer OSG-Distorsion für einen Grafiker ist das schwierig.
Zu empfehlen ist deshalb nur eines: Seien Sie ehrlich. Gehen Sie anständig mit Ihrem Arzt um, dann tut er das gleiche mit Ihnen. Bei den Graubereichen, wenn es Probleme mit dem Job, der Familie oder Partnerschaft gibt, wird er sicher versuchen zu helfen.
Ja, es kann sein, dass er sie nicht krank schreibt. Wenn er etwas von seinem Job versteht, sie also eine gute Wahl getroffen haben, wird er es sogar ganz sicher nicht tun, wenn es keinen aus der Sicht der Allgemeinheit anzuerkennenden Grund gibt.
Wenn Ihnen das Risiko der Ehrlichkeit zu hoch ist, dann lügen Sie, wenn Sie es nicht lassen können. Er wird dann sorgfältig Ihre erfundenen Symptome abklären, Ihnen danach bedauernd erklären, dass in Ihrem Fall leider keine Arbeitsunfähigkeit besteht und Ihnen lustvoll eine hohe Rechnung schreiben (s.o.). Wenn er einen schlechten Tag hat oder generell zur Boshaftigkeit neigt, attestiert er Ihnen vielleicht eine eingeschränkte Arbeitsfähigkeit von täglich 50% im Rahmen der üblichen Tätigkeit. Damit Ihnen dabei nicht langweilig wird, bestellt er Sie zur Reevaluation alle 2 Tage ein.
Für die Ehrlichen und die Schlaumeier ist also das Risiko gleich. Der Unterschied findet sich auf der Rechnung.
Evidenz des Offensichtlichen
Veröffentlicht: 20. April 2011 Einsortiert unter: Binsenweisheiten | Tags: fachzeitschriften, werbung Schreibe einen Kommentar »Manchmal bedarf auch das Offensichtliche eines evidenten Belegs. Liest man pflichtbewusst seine kostenlosen und kostenpflichtigen Journals, beschleicht einen ob der vielen Anzeigen und aufgeklebten Postkarten hier und dort eine gewisse Ambivalenz. Der Inhalt wird wohl nichts mit der gut bezahlten Werbung zu tun haben?
Göttinger und Marburger Allgemeinmediziner sind dieser Frage in einem interessanten Studiendesign nachgegangen. Sie werteten 465 Hefte 11 deutscher Journals aus dem Jahr 2007 aus. Darunter kostenlose, nur über Werbung finanzierte, gemischt finanzierte (Abogebühren + Werbeeinnahmen) und werbefreie Erzeugnisse. Erhoben wurde, wie eine Auswahl umstrittener Medikamente im redaktionellen Teil bewertet und ob jeweils Werbung zu den diskutierten Präparaten im gleichen Heft zu finden war.
Die Bewertungen fielen in den werbefreien Journals im Durchschnitt deutlich negativer als in den kostenlosen nur über Werbung finanzierten aus. Die Bewertungen in gemischt finanzierten Zeitungen (Abokosten + Werbung) war im Durchschnitt positiv, nicht ganz so deutlich wie bei den kostenlosen Journals, in der Tendenz jedoch klar.
In bestimmten Journals erhöhte eine Anzeige die Wahrscheinlichkeit einer positiven Erwähnung des beworbenen Präparates im gleichen Heft. Für die vorausgehende und nachfolgende Nummer war dies nicht der Fall.
Insgesamt eignet sich die Studie als weiteres gutes Argument, kostenlose “Fachjournale” direkt in die runde Ablage zu entsorgen und in der gesparten Zeit das eigene Hirn auf eine optimale Betriebstemperatur zu bringen. Aber auch den oft von den verschiedenen Fachgesellschaften getragenen, mit bunter Werbung gespickten Zeitschriften gegenüber scheint Misstrauen angebracht. Zumal man hier für die tendenziöse Berichterstattung auch noch zur Kasse gebeten wird. Was bleibt sind Journals, die allein über die Abokosten finanziert werden, Blogs wie Stationäre Aufnahme und eine grosse Portion Skepsis.
Referenz:
Becker A et al: CMAJ 2011 (abstract)
Becker A et al: CMAJ 2001 (full text)
