Wie die Jungfrau zum Kinde

Es gibt Dinge, zu denen kommt man wie die Jungfrau zum Kinde. So hat es der Dienstarzt-Blog es im Wikio-Ranking Juli 2011 bei den Gesundheitsblogs unter die ersten Zehn geschafft. Keine Ahnung wie das passieren konnte und wie das geht. Schaun wir mal, Rankings sind bekanntlich launisch. Trotzdem Danke an alle, die meine Besserwissereien ab und zu lesen.


Gurkengrippe

Die letzten Wochen wurde die sogenannte Qualitätspresse nicht müde zu beweisen, dass sie ein Problem mit der Recherche hat. Statt besonnener Aufklärung eine Gurkentruppe, die sich und die Politik von Spekulation zu Spekulation hysterisierte.

Wir wissen jetzt, dass der neue deutsche Gesundheitsminister einen feinen aber erkennbaren Schweissfilm auf der Stirn bekommt, wenn er unter Druck gerät, wie schnell Gurken zu Ladenhütern werden, dass Bio nicht automatisch gut ist, dass man Gemüse und Obst vor dem Verzehr waschen oder schälen sollte und dass Sprossen nicht immer gesund sind.

Laut Robert-Koch-Institut handelt es sich mit 3’304 EHEC-Infektionen um den bisher grössten dokumentierten Ausbruch in Deutschland. Davon litten 786 Patienten an einem Hämolytisch-urämischen-Syndrom (HUS), 38 Patienten sind verstorben (Stand 15.06.11).

Im Jahr 2009 gab es laut Statistischem Bundesamt 30’3535 Verletzte auf Deutschlands Strassen, 3’099 kamen zu Tode. 52’693 bzw. 518 Personen in Hamburg, Niedersachsen und Schleswig-Holstein.

Infektionskrankheiten sind weltweit die häufigste Todesursache, Epidemien sind üblich. Unser Lebensstandard und für jeden zugängliche medizinische Versorgung haben in den westlichen Ländern dazu geführt, dass eher an kardiovaskulären und onkologischen Erkrankungen gestorben wird. Dennoch bleiben Infektionskrankheiten nach wie vor eine der grossen Herausforderungen der Medizin. En-, Epi- und Pandemien werden immer wieder ein Thema sein, das sorgfältiger Berichterstattung bedarf.

Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Artikel auf süddeutsche.de (09.05.11), in dem Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene (DGKH) mit der Einschätzung zitiert wird, dass in deutschen Krankenhäusern jährlich ca. 900’000 Patienten an nosokomialen Infektionen erkranken, also krank werden durch den Spitalaufenthalt an sich. Bis zu 30’000 sollen daran versterben.

Das Spital ist also kein von vornherein sicherer Hafen. Man fragt sich, ob schlecht recherchierte und hysterische Berichterstattung nicht krank (und tot) macht, führt sie über Angst und Verdachtsfälle doch zu vermehrten (vermeidbaren) Spitaleinweisungen.

Vgl. auch zu diesem Thema: Journalistengrippe


Pandemie: Journalistengrippe

Dieses Jahr ist es also EHEC. Verfolgt man die Berichterstattung unserer sogenannten Qualitätsmedien über BSE, SARS, H5N1, H1N1, Borreliose, FSME der letzten Jahre – und eben jetzt EHEC, so fragt man sich, ob nicht eine pandemische Journalistengrippe (und -Enzephalitis) grassiert.

Eine Häufung von EHEC ist sicherlich eine Meldung wert. Das Problem ist allerdings nicht ob, sondern wie berichtet wird. Wenn selbst die Grundlagen nicht klar sind, damit aber schon Panik geschürt wird, wie hier beschrieben, hat das mit Qualitätsjournalismus wenig zu tun. Und wenn es sich wirklich um eine katastrophale EHEC-Seuche handelt, wie kolportiert, wäre wohl eine sachliche und zurückhaltende Berichterstattung dem Wohle der Bevölkerung in Norddeutschland eher dienlich.

Nach dem ersten panischen Patienten mit Ranzenpfeiffen, der bloss knapp jenseits der Grenze in Weil am Rhein essen war (die Konsultation selbst fand ca. 100 km südlich statt), ahnt man im Gegensatz zu den Qualitätsjournalisten wie es auf den Notfalldepartements in Norddeutschland inzwischen zugehen muss. Jene müssen sich die Frage gefallen lassen, ob es den vital gefährdeten EHEC-Patienten nicht eher schadet (Ärzte machen Fehler, übermüdete Ärzte machen noch mehr Fehler), wenn die Spitäler durch die hysterische Berichterstattung am Limit laufen. Von den regulären Patienten (ja, die gibt es auch noch), die wegen dem allgemein erzeugten Tunnelblick auf EHEC und HUS unter die Räder kommen, möchte man erst gar nicht sprechen.

Es gab, so meint man sich zu erinnern, gerade in Notsituationen eine gute Tradition eines sachlichen, zurückhaltenden Journalismus, den man sich in solchen Wochen zurückwünscht. Dass auch die Politik auf den Zug aufspringt verwundert nicht, ist aber keine Entschuldigung. Es zeigt sich einmal mehr, dass das Modell der selbstproklamierten Qualitätsmedien zunehmend überholt ist. Daran ändern auch trendige SPON-Pamphlete über Alpha-Blogger nichts. Empfohlen sei dazu auch dieser Artikel von Martin Weigert und jener Vortrag von Martin Oetting, der sich auch wegen seines wissenschaftstheoretischen Vorspanns lohnt.

Dilettanten gibt es auf beiden Seiten (von Martin Weigert)
Willkommen im Rattenkäfig (von Martin Oetting)
EHEC-Ratgeber des Robert-Koch-Instituts


Feriengrüsse


Neues aus Kalau

Man wählt die Nummer eines der örtlichen Spitäler: “Unversitätsspitaltoggenburgspitalnetzunteresrheintalrhoneoberwallis … (atmet tief und laut ein) … Dienstarzt Alexander Karev”

“Guten Abend. Darf ich Ihnen eine Patientin zuweisen?”

“Nein … hahaha … Scherz, ok wie heisst sie?”

Humor ist, wenn man trotzdem lacht, natürlich. Beim 234. Mal (als Pedant führt man selbstverständlich auch darüber eine Strichliste), fragt man sich, wo die Fabrik ist, in der die geklont werden. Höflichkeit könnte so schön sein, gerade wenn man wie der Kollege keine Wahl hat.


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