Sind Ärzte dämlich?
Veröffentlicht: 4. Januar 2012 Einsortiert unter: Berufspolitik, Prognosen | Tags: managed care, tiers payant Schreibe einen Kommentar »Sind Ärzte dämlich? Mit Radio Eriwan möchte man antworten: “Im Prinzip nein, aber sie gehen an jeden Haken, wenn der Köder nur fett genug ist.” Denn betrachtet man die aktuelle Entwicklung im Schweizer Gesundheitssystem, so fällt auf, dass viele Kollegen zwei heimtückische, von der Politik ausgelegte Köder gierig verschlingen. Der eine ist Managed Care, der andere Tiers payant im KVG.
Was ist prinzipiell schlecht an Managed Care, mag man fragen. Prinzipiell natürlich nichts. Prinzipiell ist in der ambulanten Medizin von jeher Managed Care alltägliche Realität. Jeder Hausarzt arbeitet in einem Netz mit Spezialisten und Spitälern, um seine Patienten gut zu versorgen. Warum es dafür nun ein Gesetz, eine bürokratischen Überbau und eine Budgetmitverantwortung braucht, kann aber niemand so richtig erklären. Die Ärzte nicht, weil sie es wohl in der Mehrheit nicht verstanden haben, die Polititk nicht, weil sie ihr eigentliches Ziel nicht offenbaren will. Köder ist die Budgetmitverantwortung, der darin gut getarnte Haken der Einstieg in die Verlagerung des Morbiditätsrisikos von den Krankenkassen zu den Ärzten.
Bisher war es an den Krankenkassen und der Politik, das Problem einer zunehmenden Lebenserwartung und des Zuwachses an möglichen Leistungen zu managen. Es war also Sache der Krankenkassen, wie krank ihre Mitglieder sind und wie stark sie das medizinisch mögliche ausreizen. Mit Managed Care sollen die Ärztenetze mit in diese Verantwortung genommen werden. Sie sollen Kosten kontrollieren und, man verzeihe die polemische Verkürzung, vor dem Hintergrund dieser Kosten ihren Patienten Leistungen vorenthalten, damit am Ende des Jahres Eingespartes auf das eigene Konto geht. Wie es dann weitergeht, konnte man in den letzten 20 Jahren beim nördlichen Nachbarn beobachten: Der Budgetmitverantwortung wird eine Deckelung des ärztlichen Honorars folgen (wetten?). Im schlimmsten Fall durch eine Flatrate pro Patient und Quartal wie in Deutschland. D.h. die Krankenkassen und die Politik werden das Problem zunehmender Lebenserwartung und des Zuwachses an möglichen Leistungen (das Morbiditätsrisiko) einschliesslich der Diskussion welche Leistung wem zusteht vollständig auf die Ärzte verlagern. Die eigentlich dringende gesellschaftliche Diskussion, welche medizinische Leistung aus der Grundversicherung gezahlt werden soll und welche nicht, wird zu einem privaten und unangenehmen Disput zwischen Arzt und Patient werden.
Beim Tiers payant, also der Direktabrechnung zwischen Krankenkasse und Arzt ohne Rechnung an den Patient direkt verhält es sich ähnlich. Wir sehen die Möglichkeit unerquickliche Diskussionen über unbezahlte Rechnungen, Aufklärung über Kosten und das ganze nervige Mahnwesen endlich loszuwerden, übersehen dabei aber die langfristigen Folgen. Solange der Patient unser direkter Vertragspartner ist, wird unsere Vergütung angemessen sein. Zum einen, weil der Patient versteht, dass unsere Arbeit ihren Preis hat, zum anderen, weil er die Rechnung kontrolliert und uns vor Masslosigkeit schützt. Wird aber die Krankenkasse zum direkten Vertragspartner, werden zwar die Rechnungen zunächst etwas höher ausfallen (der Köder) einige Jahre später werden die Kassen aber beginnen, die Vergütung immer weiter zu drücken. Der Patient, den seine Rechnung nun nicht mehr interessiert, wird davon nichts mitbekommen. Am Ende steht Schmalspurmedizin zu Dumpingpreisen. Wie das geht, zeigt auch hier die Entwicklung der letzten 20 Jahre nördlich des Rheins. Sie zeigt auch, dass beide Köder, Budgetmitvernatwortung und Tiers payant, natürlich zusammenhängen und von der Politik bewusst platziert wurden.
