Schweinchentripper live …
Veröffentlicht: 10. September 2009 Einsortiert unter: Lemminge | Tags: H1N1, influenza, schweinegrippe 1 Kommentar »Gestern mal wieder ein Influenza-A/H1N1-Verdachtsfall auf dem Notfall (wir haben neulich allen ernstes die Anweisung bekommen, den Begriff “Schweinegrippe” auch im Alltag durch den infektiologisch “korrekten” Ausdruck zu ersetzen): Das Medizinische war schnell erledigt, dann umfangreiche Kostümierung mit Schutzbrille, Maske (die ich mir natürlich schon vorher vor den Grind gebunden hatte), Handschuhen und Einmalschürze. Damit begann sich der zeitliche Aufwand exponentiell zu erweitern, denn es war gar nicht so einfach, dem von meiner Performance völlig verängstigten Patienten, zu erklären, dass er gleichwohl nicht gefährdet sei und keine Angst haben brauche. Wahrscheinlich würde es mir auf der anderen Seite der Special-Forces-Montur ähnlich gehen …
Dann war es endlich geschafft und ich wollte mich schnell umziehen und zu den inzwischen wartenden Patienten … denkste. Beim Verabschieden, folgte logischerweise die Frage nach dem genialen “Wundermittel” Tamiflu. Also wieder hingesetzt und den Talk über das Warum-Nicht eingeleitet. Der Patient war nach der medialen Berieselung der letzten Monate nachvollziehbarerweise skeptisch, liess sich dann aber überzeugen.
Verabschiedet, Kampfanzug aus, Desinfektionsorgie, schnell in die Umkleide, Notfallpyjama gewechselt, aufgeatmet, Medienmedizin abgehakt nach echten Patienten schauen wollen … denkste. Auf dem Gang reichte mir die Schwester eine Klarschthülle von knapp 1 cm Dicke – der Papierkram für den Schwjinkenjigripe-Patient: Meldung an den Kantonsarzt, Erfassung von potentiellen Kontaktpersonen (einschl. Adresse und Telefonnummer) und, als ob das nicht genug wäre, der ganze Mist, den sich die klinikeigenen Bürokraten ausgedacht haben.
Ja, Schilda ist überall; die Lösung eines Problems führt zu den Folgen, die man eigentlich damit verhindern wollte: Wenn im Herbst die übliche Grippewelle anrollt und man diese Nummer tgl. mehrmals durchziehen muss, kann man den Notfall schliessen, weil vor lauter “Seuchenmedizin” keine Zeit für anderes bleibt. Und das wegen eines Virus, das deutlich harmloser als die saisonale Influenza ist. Vergessen darf man auch nicht die ca. 200 anderen Respiratorischen Viren, die ähnliche Symptome machen und ähnlich “gefährlich” sind, die aber nicht gemonitort werden. Die wir also nur deshalb nicht in die Outbreakshow einbeziehen, weil wir nichts genaues wissen. Erschreckend ist auch die angestrebte Massenimpfung, die aus guten Gründen von hinsichtlich esoterischen medizinischen Vorstellungen völlig Unverdächtigen kritisch gesehen wird. Was daran besonders ärgert ist, dass den grundsätzlichen Impfgegnern damit in die Hände gespielt wird, da sich die notwendige und begründte Kritik an einer spezifischen Impfung natürlich gut verallgemeinern und propagandistisch ausschlachten lässt – was auf den einschlägigen “Sanfte”-Medizin-Blogs auch schon begonnen hat.
Erschreckend sind auch Gespräche mit Klinikkollegen zum Thema: Es werden in der Regel die aus den Medien bekannten Schlagworte nachgebetet, einschl. der darin erhaltenen Widersprüche. Nicht dass ich nach sechs Jahren Klinikmedizin noch an die besondere Medienkompetenz von Ärzten glauben würde, aber zumindest die Bereitschaft, den grauen Klumpen im Schädel hin und wieder selbst denken zu lassen, hatte ich eigentlich vorausgesetzt. Es wird ein heisser Herbst werden in Schilda.
Interview zum H1N1-Impfstoff mit W. Becker-Brüser (Arzneitelegramm)
Interview mit Tom Jefferson auf Spiegel Online
Beiträge in der Cochrane Library
Infos des BAG zur Influenza A/H1N1

[...] dürfen schon die Ärzte das böse Wort nichtmehr verwenden. Das nennt sich nämlich Influenza-A/H1N1. Ich denke mir, als unwissender, bei was ich eher [...]